Mittwoch, 5. Mai 2010

Backtag

aber nicht bei mir, sondern vor einigen Tagen bei Suse von hundertachtziggrad°. Ihr Beitrag hat mich wieder daran erinnert, dass ich schon lange etwas darüber schreiben wollte, wie es früher bei uns im Dorf war.

In diesem Backhaus hat meine Mutter über mehrere Jahrzehnte hinweg das Brot für ihre zeitweise 7köpfige Familie gebacken.



Das an der Seite angebrachte Schild lieferte mir eine Erklärung dafür, weshalb in unserer Gegend viele kleine Ortschaften über ein gemeindeeigenes Backhaus verfügen. Leider bin ich auf der Suche nach weiteren Einzelheiten nicht richtig fündig geworden.



Gegen eine geringe Gebühr von damals 20 Pfennig konnten alle Bewohner des Dorfes das Backhaus nutzen. Gebacken werden durfte allerdings nur von Donnerstag morgen bis Samstag mittag. Meine Mutter als Verwalterin hatte für die Einhaltung der Backzeiten und die Sauberhaltung des Ofens zu sorgen, außerdem führte sie den Wochen-Backplan. Zu diesem Zweck hing bei uns im Hausflur eine kleine Schiefertafel, auf der die Backzeiten, die sogenannten "Ränge" eingetragen waren. Da der Ofen für eine Familie zu groß war, teilten sich meistens 2 bis 3 Hausfrauen einen Rang.

Wer wann backen durfte, wurde per Los entschieden. Lediglich 2 Backzeiten waren fest vergeben. Meine Mutter durfte sich den Zeitpunkt selbst aussuchen, sie hat immer Freitag mittags gebacken. Der erste Rang am Donnerstag morgen war einer Familie vorbehalten, die im alten Schulhaus untergebracht war, heute würde man das wahrscheinlich als Sozialwohnung bezeichnen. Sie durfte kostenlos backen, hatte allerdings auch den größten Aufwand zu treiben, den kalten Ofen wieder richtig auf Temperatur zu bringen.

Zur Einteilung der anderen Zeiten versammelten sich Sonntags nach dem Kirchgang die Backwilligen bei uns und zogen aus einem kleinen Leinenbeutel ihre Ränge, die dann auf der Schiefertafel eingetragen wurden.

An den Backtagen selbst herrschte Hochbetrieb im Ort, die Frauen hatten zuhause ihre Backwaren vorbereitet und brachten sie meistens mit einem Schubkarren zum Backhaus. Das war natürlich auch eine gute Gelegenheit, über dieses und jenes zu reden und sich den neuesten Dorfklatsch zu erzählen, auf Schwäbisch "baadscha".


Bevor der Ofen die richtige Temperatur hatte, um das Brot "einzuschießen", wurde der Salzkuchen gebacken, dieser brauchte nur wenige Minuten und wurde in der Regel sofort verzehrt.


Der Salzkuchen kann natürlich auch im Backofen gebacken werden.

Teig:

200 g Mehl

60 g Fett (evtl. Schweineschmalz)

1 Prise Salz

1/10 l Milch


Alle Zutaten zu einem glatten Teig kneten, 30 Minuten kaltstellen, dann auswellen und in eine gefettete Form geben (ich habe das gelochte Pizzablech verwendet).


Belag:

2 Becher saure Sahne

3 Eigelb
Salz

Schnittlauch

Kümmel


Saure Sahne mit den Eigelben glattrühren, mit Salz abschmecken und auf dem Teig verteilen. Mit reichlich Schnittlauch und etwas Kümmel bestreuen und eventuell noch Butterflöckchen darauf setzen.


Backzeit: ca. 30 Minuten bei 200° C

In der Ortschaft, in der ich heute lebe, gibt es auch noch ein Backhäusle. Lange Zeit wurde es nur einmal jährlich von der Feuerwehr benutzt, um für die "Feuerwehrhocketse" Salzkuchen zu backen.

Inzwischen hat unser Bäcker die Tradition wieder aufgenommen und es gibt alle 2 Wochen Brot, Zwiebel-, Salz- und Speckkuchen aus dem Holzofen - unvergleichlich gut!

Kommentare:

  1. Die Backhäuser zeigen wie sparsam unsere Vorfahren mit Energie umgegangen sind. Statt dass jeder Haushalt seinen eigenen Ofen "vorheizt", dann sein Brot oder seinen Kuchen bäckt und danach den Ofen wieder auskühlen lässt, ist es sinnvoller und effizienter wenn alle hintereinander in einem Ofen backen.
    Es steckt auch ein soziale Kontrolle dahinter: man bäckt nicht einfach dann wenn man Lust hat sondern wenn man an der Reihe ist. Zudem sehen die Nachbarn mehr oder weniger was man bäckt,ob man mehr Kuchen als Brot, mehr Weissbrot als Schwarzbrot bäckt. Niemand will durch Luxus auffallen.

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  2. So etwas gibts in unsrer Gegend eher selten, leider. Deswegen mussten wir ja die Maßnahme ergreifen ;o)
    Das ist schon eine tolle Einrichtung für so ein Dorf, nur schade, dass es vielerorts mit der Nutzung zurück gegangen ist.

    Mich überrascht, dass der Salzkuchen vor dem Brot gebacken wird, die werden ja schon bei 250° geschoben.
    In jedem Fall werde ich bei einer der nächsten Gelegenheiten den Salzkuchen testen. Danke für den tollen Bericht und das Rezept.

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  3. Danke für diese Geschichte. Hier und da sieht man auch hier noch Backhäuschen in dörflichen Gemeinschaften, die noch auf ähnliche Weise betrieben werden, wobei dem geselligen Zusammensein ein grösserer Stellenwert beigemessen wird, als früher.

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  4. Das ist ein sehr schöner Beitrag, man hat damals noch richtig, sozusagen, zusammengehalten! Das war bei uns in Österreich ähnlich. Es ging bei uns gar nicht anders! Das Rezept für den Salzkuchen werde ich mal meiner Hausjury unterjubeln :-) Klasse!

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  5. Danke fuer den schoenen Einblick. Dadurch wird eine Gedenktafel gleich lebendig. Ich fand es hochinteressant, so schoen geschrieben und das Salzkuchen Rezept grandios.

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  6. @Waltraut
    Ich fürchte, dass die Energie nicht teuer genug werden wird, um diese alte Sitte wieder aufleben zu lassen.

    @Suse
    Jetzt habe ich schon gefürchtet, dass mir mein Erinnerungsvermögen einen Streich spielt. Ich habe nochmals etwas recherchiert und das hier gefunden:

    "Auf dem Land gab es fixe Backtage, je nach Familie oder Dorf ein- bis viermal im Monat. Der Ofen wurde morgens früh mit Holz eingefeuert. Ofenthermometer gabs noch keine - die Frauen wussten sich aber ganz praktisch zu helfen: Sie nahmen ein Stück Brotteig, wallten es hauchdünn aus, schoben die brennenden Holzscheite etwas zur Seite und legten den Fladen in den Ofen, links und rechts züngelten die Flammen. War der Fladen innert weniger Minuten knusprig gebacken, dann war der Ofen bereit für die Brotteiglinge. Die kulinarisch versierten Backfrauen kamen bald auf die Idee, den trockenen Fladen zu belegen: geräuchter Speck, Zwiebeln, etwas Crème fraîche - der Flammenkuchen, wie man ihn heute noch kennt, war geboren. Er wird auf einem grossen, runden Schneidebrett serviert. Am besten schmeckt er natürlich aus einem Holzbackofen."

    Meine Angaben zu Temperatur und Backzeit sind für den haushaltsüblichen Backofen gedacht. Ich wünsch Dir viel Erfolg beim Salzkuchenbacken!

    @lamiacucina
    So wird das Schöne mit dem Nützlichen verbunden.

    @Hannes
    Ich hoffe, dass der Salzkuchen Gnade vor den Augen der Hausjury findet ;)

    @Jutta Lorbeerkrone
    Diese alten Geschichten sind das, was mir bei Dir so gut gefällt.

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  7. Herrlich, ich liebe so schöne Geschichten von früher! Schade, dass heute fast alles so schnelllebig ist. Und das Salzkuchenrezept habe ich mir schon vorgemerkt, genau mein Ding, danke dafür.

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  8. Danke Linda für die Erklärung. Bei Flammkuchen stimme ich 100% zu, die ist ja im Prinzip wie Pizza und in dem Ofen innerhalb von wenigen Minuten fertig. Bei dem Salzkuchen wäre ich da etwas kritischer. Ich hätte Bedenken, dass der Teigboden schwarz und die Masse noch nicht fertig ist.
    Ach, weißt du was, ich probiers einfach mal aus, dann weiß ich es genau :o)

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  9. Liebe Linda ,

    jedes Jahr besuchen wir ganz in der Nähe ein Dorffest, dort gibt es vom Landfrauenverein immer einen super Zwiebelkuchen, den sie in ihrem Backhaus auf dem Dorfplatz backen. Dieses Backhaus wird jede Mo. angefeuert u. man kann sein Brot zum backen dorthin bringen, ich finde diese Tradition einfach Klasse .
    Schade nur das es in unserem Dorf so ein Highlight nicht mehr gibt .


    Lg Kerstin

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